Die fünf Elemente
in der chinesischen Medizin
(1. Teil)
Das Element Feuer
Im Rahmen einer Umorientierung der westlichen Medizin und einer zunehmenden ganzheitlichen Betrachtungsweise des Menschen gewinnt die altbewährte chinesische Heilkunst bei uns immer mehr an Bedeutung. In diesem Zusammenhang stellt unsere Autorin, Pramada Allgöwer, in einer fünfteiligen Serie die traditionelle Lehre der fünf Elemente vor und gibt konkrete Übungsempfehlungen für den Alltag.
Die chinesische Weltanschauung sieht den Menschen als eine Einheit. Sie kennt
keine absolute Trennung der Seinszustände "Körper", "Geist" und "Seele".
Dies kommt schon in der Sprache zum Ausdruck: Die Begriffe, die im Chinesischen üblich
sind, beinhalten immer das Ganze und sehen den Seinszustand nicht als etwas
Abgetrenntes. Jeder Begriff, der ein Phänomen wie beispielsweise den
Körper beschreibt, weist auf den weitergehenden Zusammenhang hin.
Nichts Natürliches steht für sich allein, alles steht in einem
Zusammenhang. Die Einheit Mensch ist in Verbindung mit der Umwelt: mit
der Jahreszeit, der Luft, dem Wetter, der Tageszeit, mit Sonne und Mond.
Einheit und Harmonie
Ein gesunder Mensch ist in Harmonie mit seiner Umgebung, in Harmonie mit sich selbst. Ein Abweichen von dieser Harmonie ist Krankheit, unwichtig, ob sich die Abweichung überwiegend im körperlichen, emotionalen oder geistigen Seinszustand äußert.
In der chinesischen Gesundheitslehre geht es nicht darum, festzustellen,
wieso und worum jemand vom Gleichgewicht abgekommen ist, sondern darum, die
Disharmonie zu heilen. Dazu wird vor allem die Akupunktur benutzt. Wie weit
eine Akupunkturbehandlung dem Patienten helfen kann, der Einheit näherzukommen,
hängt von seiner Bereitschaft zum "Heil" - Sein ab und davon,
ob er sich schon auf die Suche nach der Einheit gemacht hat.
Wenn eine Patientin beispielsweise wegen Menstruationsbeschwerden in meine
Praxis kommt, habe ich verschiedene Möglichkeiten: Ich kann die Schmerzen
rasch zum Abklingen bringen,dabei verschwindet nur das Symptom, die Krankheit
ist nicht geheilt, sondern wird an gleicher oder anderer Stelle wieder hervortreten.
Für eine Heilung des gesamten Menstruationszyklus benötige ich
schon mehr Bereitschaft der Patientin: Sie muß Geduld aufbringen für
einen längeren Heilungsprozeß und wird wahrscheinlich eine schmerzhafte
Heilungskrise durchmachen.
Wenn jemand wirklich bereit ist, an sich zu arbeiten, führt sein Heilungsprozeß zusätzlich
zu mehr Klarheit und Harmonie in seinem Frau Sein.
Die Lehre der fünf Elemente
Auf den Grundlagen von Harmonie und Einheit basiert auch die Philosophie der chinesischen Medizin, deren wohl wichtigster Teil die Lehre von den fünf Elementen ist. Kein Element ist isoliert, sondern jedes Ding, jedes Tier, jeder Mensch enthält alle fünf Elemente in unterschiedlichen Proportionen. Alles besteht aus "Feuer", "Erde", "Metall", "Wasser" und "Holz". Die Elemente stehen in Beziehung zueinander und helfen sich einander in der Reihenfolge: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser.

Schematischer Verlauf des Dünndarm Meridians
Die Pfeile zeigen die Meridian Richtung
Sie können aber auch in Opposition stehen und sich
zerstören. "Vielleicht kann " man aus der Lehre der fünf
Elemente einen Zusammenhang dieser Art herauslesen, daß mit Holz
das Feuer genährt wird, nach dem Abbrennen des Feuers Asche übrigbleibt,
die Erde entsteht, in der Metalle gefunden werden und aus der Gewässer
entspringen; das Wasser aber ernährt die Bäume, wodurch der Kreis
zum Holzelement geschlossen ist."
Was sich hinter diesen Symbolen verbirgt, möchte ich in der folgenden
fünfteiligen Artikelserie beschreiben.
Feuer im harmonischen Zustand
Ich beginne mit dem Feuerelement, weil wir im August in einer Jahreszeit
leben, die dem Feuer zugeordnet ist. "Feuer" ist die am meisten
extrovertierte Energie: Im Sommer sind die Tage am längsten, zur
Mittagszeit steht die Sonne am höchsten, die Farbe Rot ist am leuchtendsten,
und bitter ist der intensivste Geschmack. Ein Mensch befindet sich in
diesem Energiezustand, wenn er völlig mit äußeren Dingen
beschäftigt ist, Feuer bedeutet Handlung, voll in Aktion sein.
Im harmonischen Zustand gehört zum Element Feuer die Liebe - Liebe
im chinesischen Sinne als "ungetrübte Wahrnehmung", Lebewesen
so zu lieben, wie sie sind, ohne unsere im Verstand verankerten Wünsche
und Programme auf sie zu projizieren, sie in ihrer ursprünglichen
Schönheit annehmen. Dies ist ein ganz anderer Begriff von Liebe, als
wir ihn im Westen haben, gar nicht mehr emotional, nicht mehr vom anderen
abhängig, sondern klares, reines Bewußtsein.
Das menschliche Bewußtsein und die menschliche Lebenskraft bezeichnen
die Chinesen als "Shen" oder "Kaiser", der Herrscher über
den ganzen Organismus. Das Shen residiert im Herzen. Es sorgt für Übersicht
und Klarheit in allen unseren Handlungen, analysiert und synthetisiert
Informationen, faßt Entschlüsse. Ein Mensch mit starkem Shen
hat strahlende Augen, eine lichtvolle, klare Ausstrahlung. Er ist aufrichtig,
kreativ, voller Enthusiasmus, Geist und Freude; die Freude am Leben zu
sein, an der Natur, an sich selbst und all den sogenannten Kleinigkeiten
um uns herum, eine Freude, die sehr tief gehen kann, denn dem Feuerelement
liegt die Suche nach mehr Bewußtsein am nächsten.
Dazu fällt mir die Geschichte der drei chinesischen Weisen ein, sie wurden die "lachenden Buddhas" genannt. Sie zogen von Stadt zu Stadt, von Marktplatz zu Marktplatz, stellten sich einfach hin und fingen an, aus vollem Hals zu lachen. Zuerst schauten die Leute verwundert, aber das Lachen war so ansteckend, daß bald der ganze Platz vor Lachen brüllte. Alle Habgier, Hast, Wut und Angst wurden plötzlich in Freude verwandelt. Die Weisen zeigten den Leuten die Kunst der Transformation, veranschaulichten die chinesische Lehre, daß alles ineinander umwandelbar ist. Das tut auch die Akupunktur, sie transformiert "kranke" Energie in gesunde. Das Feuerelement ist das mitteilsamste der Elemente, kommuniziert am meisten mit anderen, darum gehört zu ihm die Sprache und damit Zunge und Kehlkopf. Es regiert über die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) den Hormonhaushalt des Körpers und ist zuständig für Wärmehaushalt und Schweiß.

Schematischer Verlauf des Herz-Meridians
Das gesamte Kreislaufsystem gehört ebenso zum Feuer wie die Gesichtsfarbe, die Ellbogen und der Dünndarm.
Die Energiebahnen im Körper (Meridiane), die zum Feuer gehören,
heißen im Chinesischen CHEOU SHAO YIN (Armmeridian des jungen, kleinen
Yin/, CHEOU TAE YANG (Armmeridian des großen, vollendeten Yang),
CHEOU TSIUE YIN (Armmeridian des alten, endenden Yin) und CHEOU SHAO YANG
(Armmeridian des jungen, kleinen Yang). Der erste ist unter anderem auch
mit dem Herzen verbunden und wird deshalb im Westen fälschlicherweise
Herzmeridian genannt. Der zweite Meridian heißt bei uns Dünndarmmeridian,
der dritte Kreislauf-Sex-Meridian, der vierte Dreifacher-Erwärmer-Meridian.
Wo diese Meridiane liegen und wie sie verlaufen, können Sie den Zeichnungen
entnehmen. Diese vier Meridiane beeinflussen das gesamte Feuerelement in
allen seinen Ausprägungen. Sie beziehen sich keineswegs nur auf ein
bestimmtes Organ oder eine bestimmte Körperfunktion, wie ihre westlichen
Namen vermuten lassen.
Bei einem Menschen, dessen Feuerelement in Harmonie ist, sind auch die
Meridiane ausgeglichen und haben - wie sich durch Pulsdiagnose, die in
der chinesischen Heilkunst eine besondere Bedeutung besitzt, feststellen
läßt - weder zu wenig noch zu viel Energie.
Disharmonisches Feuer
Feuer in Harmonie ist wie ein Herdfeuer, es wärmt die Welt, bringt
Schwung und Enthusiasmus ins Leben. Kommt es außer Kontrolle, kann
es sich ausbreiten wie eine Feuersbrunst und die Welt im wahrsten Sinne
des Wortes mit Feuer überziehen. Zwei Beispiele für Menschen,
die ihr Feuer so gelebt haben, sind Dschingis Khan und Napoleon. Mit
beispielloser Arroganz und Grausamkeit dehnten sie ihre Macht weiter
und weiter aus. Ihr Feuer wütete auf Kosten anderer.
Meist richtet sich übertriebenes Feuer vor allem gegen den Menschen
selbst. Viele Filmschauspieler oder Manager leben völlig extrovertiert,
sind Tag und Nacht in Aktion und gönnen sich monatelang nur drei
Stunden Schlaf. Irgendwann können sie gar nicht mehr schlafen, Hektik,
Unruhe und Aufregung sind ständig spürbar. Oft bekommen sie
Herzklopfen oder Stiche in der Brust, ein knallrotes Gesicht, rote Augen,
Nasenbluten, die Kehle wird trocken. Jetzt ist Reden und Lachen keine
Freude mehr, sondern wird zwanghaft, laut und unmotiviert oder sogar
hysterisch.
Dieser Zustand kann natürlich nicht dauernd anhalten, irgendwann
ist die Energie verbraucht, das Feuer erschöpft. Es kommt zu Ohnmachten,
plötzlichen Schweißausbrüchen ohne jeden Anlaß,
Träumen vom Fallen, geistiger Müdigkeit bis zu Willenlosigkeit.
Die nervöse Spannung hält weiter an, kann sich aber körperlich
nur noch in einem schnellen Atemrhythmus ausdrücken.
Andere Menschen leben ihr Feuer zu wenig. Es ist ihnen von Kind auf gesagt
worden: "Sei still!", "Lach' nicht so laut!", "Benimm
dich anständig und renne nicht herum!" usw Diese Prägung
bleibt ihnen auch als Erwachsener im Unterbewußtsein und bestimmt
immer noch ihr Leben. Sie nehmen ihre Lebensenergie zurück und ihr
Leben wird grau, trübsinnig und freudlos.
Der Feuertyp
Es ist wichtig, die goldene Mitte für sich selbst zu finden, sein
individuelles Feuer in der richtigen Proportion zu leben. Nicht jeder
Mensch hat von seiner Anlage her gleichviel Feuer; es kann sein, daß ein
oder zwei andere Elemente in seiner Persönlichkeit überwiegen
und das Feuer für ihn nur einen kleinen Stellenwert einnimmt. Andererseits
gibt es Menschen, bei denen das Feuer dominiert, die sogenannten "Feuertypen".
Der Feuertyp, wie ich ihn gleich beschreiben werde, ist nur ein Idealbild,
man wird ihn nie ganz so finden, denn die anderen vier Elemente spielen
in ihren unterschiedlichen Proportionen immer mit.
Ein Feuertyp redet und lacht gern und laut und unterstreicht seine Reden
mit Gestik. Er ist jemand, den man bemerkt und meist schätzt, weil
er leicht auf andere zugeht, sich schnell freuen kann und mit seiner
Begeisterung andere ansteckt. Körperlich erkennt man ihn an seinen
schnellen Bewegungen, dem runden, rötlichen Gesicht, den breiten
Backen, den horizontalen Gesichtsfalten und einer relativ hohen Stimme.
Die Hand ist lang, mit langen, schlanken, beweglichen Finger, die wie
Sonnenstrahlen weit auseinandergespreizt werden können. Oft ist
der kleine Finger dann wie ein Haken nach innen gebogen. Die Fingernägel
sind konvex, schmal und formen ein elegantes Oval. Die Körperorgane
und Persönlichkeitsmerkmale des Feuerelements sind seine Stärke
und das, was er nach außen trägt. Dadurch wird er an genau
diesen Stellen auch am verletzlichsten und sich am leichtesten aus dem
harmonischen Zustand entfernen.
Akupunktur - ein individueller Weg zur Harmonie
Vielleicht haben Sie jetzt festgestellt, daß Sie ein Feuertyp sind,
aber Ihr Feuer gar nicht wirklich leben. Hier kann ein guter Akupunkteur
helfen, Unterdrückungsmechanismen abzubauen, so daß Sie Ihren
eigenen Weg zu mehr Lebendigkeit finden. Sie wachen mehr und mehr auf:
Sie machen vielleicht die für Sie richtige Meditationsform (wahrscheinlich
eine Bewegungsmeditation) oder Sie fangen an, Sport zu treiben, zu joggen
oder zu tanzen.
Auch wenn Sie Ihr Feuer exzessiv leben und immer in Hast und Anspannung
sind, zeigt Ihnen gute Akupunktur Ihren persönlichen Weg zur Entspannung:
ob Yoga oder Massage, kathartische (abreagierende) bzw. dynamische Meditationen,
weniger Kaffee und Zigaretten, Spaziergänge in der Natur oder einfach
mehr Schlaf. So wie es für Sie am besten ist, finden Sieden Weg zurück
zu Ihrer Mitte.
Auch wenn die Disharmonie des Feuers schon in den körperlichen Seinszustand
eingedrungen ist und z. B. zu Herzrythmusstörungen, Krampfadern oder
Schwierigkeiten mit dem Ellbogengelenk geführt hat, heilt richtig
angewandte Akupunktur auf genau dieselbe Weise: Sie finden Ihren eigenen
Weg, die Krankheitsursachen verschwinden und dadurch kann auch der Körper
wieder heil werden.

Eine typische Feuerhand
Weit auseinander gepreizte Finger, ovale Fingernägel
Übungen zur Harmonisierung des Feuerelements
Auch ohne Akupunktur können Sie etwas für Ihr Feuer tun. Ich
stelle Ihnen zwei Übungen vor. Wenn Sie sie gern machen und sie Ihnen
gut tun, werden Sie dabei bleiben. Es ist dabei unwichtig, ob Sie ein Feuertyp
sind oder nicht, denn jeder trägt, wie gesagt, das Feuerelement in
sich.
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Der heilende Laut und die heilende Farbe: Setzen Sie sich aufrecht auf eine Stuhlkante, die Beine etwa Schulterbreit auseinander, spüren Sie Ihr Herz und die Verbindung zwischen Herz und Zunge. Atmen Sie' tief ein, formen Sie mit den Lippen einen Kreis' und atmen Sie fast ohne Ton mit dem Laut HAAAHHH aus.
Atmen Sie soviel Luft aus wie möglich und stellen Sie sich vor, daß Ihr Herzbeutel mit dem Atem alle kranke Energie, Ungeduld, Hast und Arroganz aus dem Herzen drückt. Dann atmen Sie ein und stellen sich vor, daß rotes Licht und mit ihm Freude und Bewußtheit in Ihr Herz eindringt. Machen Sie diese Übung, solange Sie wollen - mindestens zwei Minuten lang. Wenn Ihr Feuer im disharmonischen Zustand ist, sind ungefähr zehn Minuten täglich zu empfehlen. Sie werden merken, wie gut Ihnen diese Übung tut, wie Sie sich lebendiger und ausgeglichener fühlen. -
Lachen: Wenn Sie am Morgen aufwachen, lassen Sie Ihre Augen noch geschlossen. Recken und strecken Sie sich wie eine Katze, so lange Sie mögen. Dann fangen Sie immer noch mit geschlossenen Augen, an, laut zu lachen. Am Anfang wird Ihnen das noch schwer fallen, schauspielern Sie einfach eine Weile oder denken Sie an etwas Lustiges, nach kurzer Zeit wird das Lachen richtig tief aus dem Bauch kommen. Lassen Sie sich einige Minuten lang richtig herzlich lachen, dann stehen Sie auf. Auch wenn Sie Ihren Partner mit Ihrem Lachen aufwecken, bleiben Sie dabei, Ihre gute Laune ist so ansteckend, daß er entweder gern mit Ihnen aufsteht oder sich mit einem Lächeln auf den Lippen umdreht.
Autoren: Pramada D. Allgöwer und Kavi G. Lindemann